Der “Lothar-Kreyssig-Friedenspreis” wird seit 1999 in Magdeburg regelmäßig verliehen. Der Evangelische Kirchenkreis Magdeburg errichtete dazu 1998 – zum 100. Geburtstag Dr. Lothar Kreyssigs - gemeinsam mit der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen und der Union Evangelischer Kirchen in der EKD (UEK) die gemeinnützige Stiftung „Lothar-Kreyssig-Friedenspreis”.
Der Friedenspreis will an das Wirken von Dr. Lothar Kreyssig erinnern und dessen „Nachahmer“ ehren. Er soll an Personen, Gruppen oder Organisationen gehen, die sich um Friedens- und Versöhnungsarbeit verdient gemacht haben, besonders im Blick auf jüdische Menschen und auf ost- und südosteuropäische Nachbarn. Er kann bekannten Persönlichkeiten gelten, soll aber besonders auch die oft verborgene Arbeit von unbekannten Gruppen oder Einzelpersonen im Blick haben.
Die Preisverleihung findet seit 1999 alle zwei Jahre statt - jeweils zu Beginn der „Ökumenischen Dekade für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung” im November. Der Preis ist (derzeit) mit 3000,- € dotiert. Ort der Preisverleihung ist die 1999 wieder errichtete Johanniskirche – Festhalle der Stadt und einst älteste Pfarrkirche Magdeburgs.
Neben der Preisverleihung fördert die Stiftung die lebendige Erinnerung an ihren Namensgeber. So gab sie den Anstoß dafür, eine Straße in Magdeburg nach ihm zu benennen.
Dr. Lothar Kreyssig (1898 - 1986) ist ein Mensch mit Zivilcourage. In der NS-Zeit protestiert er gegen Unrecht und setzt sich für von der „Euthanasie” Bedrohte ein. Nach 1945 geht es ihm um die Schuld Deutschlands am Krieg mit all seinen Verbrechen und an der Ermordung der Juden, um die Bearbeitung dieser Vergangenheit und um Zeichen der Versöhnung und Sühne.
Herkunft: Sachsen
Lothar Kreyssig wird am 30. Oktober 1898 in Flöha bei Chemnitz als Sohn eines Getreidegroßhändlers geboren. Nach dem Abitur in Chemnitz wird er 1917 Soldat in Frankreich, im Baltikum und in Serbien. „Nationalistische Selbstbehauptung“ ist damals für ihn noch selbstverständlich. Ab 1919 studiert er Rechtswissenschaft in Leipzig, promoviert und macht 1924 sein Richterexamen. Dann geht er als Rechtsanwalt nach Chemnitz, wird Assessor am Augustusburger Amtsgericht und ab 1928 Richter am Landgericht Chemnitz.
1923 heiratet er, ihm und seiner Frau werden vier Söhne geboren.
Innerlich macht Kreyssig Ende der Zwanziger Jahre einen Wandel durch, eine Art Bekehrung, durch den sich seine ganze Lebenshaltung verändert. So ist es ihm 1933 selbstverständlich, der Familie des jüdischen Landgerichtspräsidenten Ziel beizustehen, als der verhaftet wird. Angedroht wird ihm deswegen das Konzentrationslager, dann aber wird er „nur“ beruflich „kaltgestellt“.
1934 tritt Kreyssig der „Bekennenden Kirche Sachsens“ bei und wird Präses (Vorsitzender) der sächsischen Bekenntnissynode.
In Stadt und Land Brandenburg
1937 erwirbt Familie Kreyssig ein Landgut in Hohenferchesar bei Brandenburg. Dr. Kreyssig wird Nebenerwerbslandwirt, hauptberuflich arbeitet er am Brandenburger Amtsgericht als Amtsrichter für Vormunds-, Register- und Nachlassfragen.
In der „Bekennenden Kirche der Altpreußischen Union (APU)“ gehört er wieder der Synode an. Als er einem „deutsch-christlichen“ Pfarrer den Zutritt zum Altar in der Brandenburger St. Gotthard-Kirche verweigert, wird er kurz in Haft genommen. Disziplinarische Untersuchungen deswegen ziehen sich bis 1942 hin.
1939 wird Kreyssig Soldat, bald aber wegen seiner Landwirtschaft freigestellt. So arbeitet er auch wieder am Gericht. Dort entdeckt er 1940, dass seine Mündel häufig aus Anstalten verlegt werden und dann schnell sterben. Er erstattet (als einziger Vormundschaftsrichter in Deutschland) Anzeige wegen Mordes - gegen den Reichsleiter Philipp Bouhler. Gleichzeitig untersagt er die weitere Verlegung seiner Schutzbefohlenen aus ihren Pflegeanstalten. Seine Proteste schlagen Wellen, aber aus seinen Heimen wird niemand mehr ermordet. Für Kreyssig persönlich folgt aus diesem Protest am 10. Dezember 1940 seine Beurlaubung als Amtsrichter und seine "selbst beantragte" Pensionierung. Bis zum Kriegsende bleibt er Bauer und Laienpastor in Hohenferchesar.
In der Magdeburger Kirchenleitung
Bischof Dr. Otto Dibelius, Berlin, beruft Kreyssig ab 1. Januar 1946 nach Magdeburg. Er wird Konsistorialpräsident und von 1947 bis 1964 (hauptberuflicher) Präses (Vorsitzender) der Provinzialsynode. Neben den Leitungsaufgaben organisiert er den Laienbesuchsdienst in der Kirche, gründet den „Hilfsring“ für psychisch Kranke, wird Gründungsleiter der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt und gibt den Anstoß für den Aufbau der Telefonseelsorge und für eine Hilfsaktion für Hungernde in aller Welt. Er ist Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages, kurzzeitig Präsident der APU-Kirchenkanzlei, später auch Präses der APU bzw. EKU-Synode. Ratsmitglied der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist er von 1949 bis 1961.
„Aktion Sühnezeichen”
Am 30. April 1958 gründet Dr. Lothar Kreyssig (fast 60-jährig) in Magdeburg die "Aktion Sühnezeichen" (heute: "Aktion Sühnezeichen/ Friedensdienste"): Junge Deutsche sollen zusammen mit Ausländern in Aufbau- und Versöhnungslagern arbeiten, in durch NS-Deutschland überfallenen Ländern, in ehemaligen NS-Konzentrationslagern und in Israel. Bis heute findet diese Idee ein großes Echo.
Kreyssigs Hauptwohnsitz bleibt bis 1971 der „Bruderhof” in Hohenferchesar, wo heute seine Nachfahren leben. Dann lebt das Ehepaar Kreyssig in Berlin (West) und ab 1977 in Bergisch-Gladbach, wo er am 5. Juli 1986 stirbt.
Joachim Garstecki, katholischer Theologe, Friedensforscher, Referent für Friedensfragen beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR (1971 bis 1990), Generalsekretär der deutschen Sektion von „Pax Christi“ (1991 bis 2000) und Studienleiter der Stiftung Adam von Trott, Imshausen (2001 bis 2007)
Anschrift:
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